Gestern war ich in einem interessanten Frauenprojekt: Slum-Frauen produzieren Taschen, Kleidung, Tischdecken, Postkarten etc. von Anfang bis Ende gemeinsam UND zu Hause (eine webt, eine stickt, eine färbt, eine näht etc.). Das ganze wird dann zusammengefasst, organisiert und vermarktet. Viel ist aus Jute (typisch für Bangladesch), einige etwas coolere Sachen sind aus alten Zementsäcken gemacht (Taschen, Umhängetaschen, Geldbeutel). Ich habe ein paar Sachen gekauft (und damit noch was Gutes getan :-)) Die könnte man ja ins Netz stellen, vielleicht will ja jemand einen Verkauf organisieren. Die wären auf jeden Fall froh darum: www.tarango-bd.org (habe die Website allerdings noch nicht angeschaut).Die Organisatorinnen dort kümmern sich auch sozial um die Leute: Kleinkredite, medizinische und soziale Hilfe etc. Wenn jemand mal vor Ort gehen will und helfen gibt es bestimmt Möglichkeiten. Vielleicht sogar medizinisch, wir wurden auch angefragt. Das aber nicht drin, weil wir schon ausgelastet sind und das am ganz anderen Ende der Stadt liegt.
Es wurde übrigens (NICHT von o.g. Organisation!) auch ein 4-Wochen altes Mädchen zur Adoption angeboten. Das 8.Kind und 7. Mädchen einer Slumfamilie. Die sind unerwünscht, weil teurer bei Heirat etc. Der Vater, der die Mutter für ihr Versagen bei der Jungsproduktion verantwortlich macht, bedrängte die Mutter das Kind zu "verkaufen". Die sind aber auch wirklich entsetzlich arm die Leute und immerhin gibt's dort noch einen Vater. Noch so ein ethisches Problem, wenn man ein Kind adoptieren wollen würde.
Eine Mutter hatte ich auch schon mal, die alleine mit 4 Kindern war und so hoffnungslos das Leben zu bewältigen, dass sie alle Kinder in ein Waisenhaus tun wollte.
ABER es gibt ein staatliches Verhütungsprogramm wo die Frauen umsonst die Pille oder 3-Monatsspritze bekommen können. Und es wird auch immer mehr genutzt. Und die Geburtenzahlen sind wohl leicht gesunken letztes Jahr.
Am Wochenende wurde ich gebeten schnell runterzukommen: eines unserer ehemaligen Feedingprogrammkinder (Zwillinge, 9 Monate, 1-2 ältere Geschwister, Mutter alleine und total ausgezehrt und fertig) habe sich verbrannt: einer der Zwillinge war unter den Reiskochtopf gekommen. Gott sei Dank nur oberflächige und nicht so großflächige Verbrennungen. Dem Kleinen ging's auch ganz OK. Ich konnte der versammelten Zuhörerschaft bei der Gelegenheit noch sagen, dass sie NICHT Zahnpasta, Asche oder anderes auf Verbrennungen tun sollen, wie hier üblich, sondern nur kaltes Wasser und das Kind in ein frisch gewaschenes Tuch hüllen.
Dann die strahlende 7-jährige mit den netten Zöpfen die mir schon vorher immer zuwinkte und Schülerin unserer Schule hier ist. Die Mutter war dabei und fördert das Mädchen offensichtlich (gar nicht so häufig). Sie heißt Noopur (so heißen die Fussglöckchen, die beim traditionellen Tanz getragen werden). Sie hatte eine kleine Erkältung, aber ich glaube sie wollte einfach mal vorbeikommen. Noopor ist so positiv und strahlend. Sie hat mir ihren Namen und ihr Alter auf englisch und Bangla aufgeschrieben und ein kleines Bild gemalt. Und sie will später mal ärztin werden... :-) überhaupt ist eine gebildete Frau hier für viele Mädchen ein Vorbild, das habe ich schon öfters gehört. Auch von unserer 15-jährigen Dolly, die Schülerin ist und Nähen und Sticken lernt, beim Feedingprogramm hilft und immer wieder mit mir in Kontakt tritt und sagt, dass sie so gerne auch eigenständig und ausgebildet sein möchte (und abends die Burka überzieht wenn sie rausgeht).
Oder die Kinder die einem zulächeln wenn man ein bisschen Quatsch mit ihnen macht. Oder die (meist älteren) Menschen die zum ersten Mal da sind und manchmal weinen wenn sie feststellen, dass sie neben der Behandlung auch noch einen Teller Essen bekommen und Gottes Segen über einen aussprechen.
Oder der kleine Junge (4 Jahre alt) der Verbrennungen am Arm hat, aus einer unglaublich dreckigen Familie kommt (entsprechend sehen die Verbände und Wunden dann auch aus) und Mangelerscheinungen hat, dem ich eine Zahnbürste und Vitamine, der Mutter Seife und viele Ermahnungen gegeben habe: der ganz aufgeweckt ist, mir begeistert seine sauberen Zähne zeigt und mir Geschichten erzählt, wie er auf die Wunden aufpasst und die Mutter die Kleidung gewaschen hat...Hoffentlich schickt die Mutter den Knirps bald in die Schule - ich muss es ihr noch mal sagen.
Oder morgens wenn man ankommt im Slumgebiert und die Menschen schon warten, wird man unglaublich freundlich begrüßest. Jeder möchte gerne mit Augenkontakt zurückgegrüsst werden, die Kinder und Schüler rufen "good morning". Da weiß man, dass man das mindestens genauso für sich selbst tut hier...
Merle M. 13.04.2008