Vorgestern gab es eine Situation, die hier öfters ähnlich, aber selten so extrem anzutreffen ist und die mir immer noch nachgeht. Während der Sprechstunde in einem Slumgebiet namens Korail, das am Fuße der besseren Wohngegend und des Botschafterviertels liegt, taucht eine ältere Frau mit einem extrem untergewichtigen mangelernährten einjährigen Mädchen auf. Gewicht 4100 g, Länge 61 cm, Oberarmumfang 8 cm (unter 12-13 cm gilt als unterernährt) mit folgender Geschichte (die sich teilweise erst im nachhinein durch verschiedene Infos zusammengefügt hat):Die Frau war die Großmutter väterlicherseits, Vater war abgehauen (kommt hier oft vor vor allem wenn's Probleme gibt), die Mutter war schon länger krank und ist vor 2-3 Monaten gestorben. Dann kam das Kind zu den Großeltern mütterlicherseits aufs Land, von wo es die Großeltern väterlicherseits weggeholt hatten und zwar um mit ihm zu betteln! (was wir leider erst hinterher erfuhren)
„ärzte für die 3. Welt“ hat hier ein Feedingprogramm. Angehörige, auch Geschwisterkinder können hier in unserem Haus, solange sie wollen und es nötig ist, leben und werden versorgt bis das untergewichtige Kind zugenommen hat. Hier wollten wir das Kind natürlich aufnehmen. Wir haben mit der Großmutter geredet, die schon nicht so wollte, der Großvater erst recht nicht. Auf den hat unser Organisator Mr.Babul dann eingeredet und ausgemacht, dass wir sie dann nach der Sprechstunde gleich mitnehmen. Wir dachten schon, dass das sonst nichts wird. Aber sie hauten mit dem Kind dann gleich ab und waren nicht mehr auffindbar. Wir sind noch durch den Slum gelaufen und haben gefragt, ob jemand weiß wo sie wohnen. Aber da sie Bettler sind, schlafen sie auf der Straße, irgendwo...
Ist das nicht schrecklich? Dieses Kind stirbt wahrscheinlich, weil es zum Betteln missbraucht wird und man kann nichts machen! Selbst wenn wir sie gefunden hätten, hätten wir ihnen das Kind aus den Händen reißen dürfen? Eher nicht. Oder wäre es unsere Pflicht gewesen? Und dann? Waisenhaus?
Andere Kinder und Erwachsene hatten wir auch schon, die ihre verdreckten Wunden und Verstümmelungen nicht behandeln lassen wollten, um besser betteln zu können, aber die waren wenigstens älter oder erwachsen.
überhaupt die Bettler: Wenn man als Weißer irgendwo steht oder fährt kommen sie in Scharen zu einem. Man kann nicht jedem etwas geben und soll es vielleicht auch nicht, sondern lieber einer Organisation was spenden. Teilweise haben wir angefangen lieber etwas zu essen zu geben. Auch die Behinderten (angeblich gibt es Behinderten-Mafiabosse die sie dann abkassieren) werden einem mit ihren Krankheiten mitten in den Weg gelegt (Poliomyelitis, Verstümmelungen, Rachitis, Kleinwuchs etc.) und bringen einen natürlich gewollt in arge ethische Bedrängnis.
Oder diejenigen denen beide Beine fehlen. Sie fahren auf ihren niedrigen, zusammengezimmerten Rollbrettern herum und stoßen sich mit den Händen auf dem Boden ab. Davon gibt es verdammt viele hier. Angeblich haben sie teilweise wohl auch Rollstühle bekommen, verkaufen sie aber wieder weil das Betteln viel schlechter damit geht.
Es wird auch behauptet, dass es Orte gibt wo Menschen, vor allem Kinder, extra verstümmelt werden (Beine gebrochen und verdreht zusammenwachsen lassen etc.). Man darf sich das gar nicht genauer vorstellen.
Merle M. 11.04.2008