
Bettina Lobenberg
Auf der Suche nach einem Ort,
an dem ich nicht alleine arbeite, sondern der mir ein Miteinander bietet, bin ich vor etwa drei Monaten auf den selfHUB aufmerksam geworden. Zwei Wochen später stand ich im Erkelenzdamm, wo ich herzlich begrüßt wurde. Im Gespräch mit meiner Gastgeberin Vera erfuhr ich, dass die dort angebotenen Arbeitsplätze für handwerkliche Tätigkeiten eher nicht geeignet sind. Ich hatte gehofft, im HUB auch dieser Ausprägung von Kreativität und dem dazugehörigen Werkzeug wie Wolle und Stricknadeln einen Raum geben zu können. Nun gut, dafür gibt es hier jedoch viel Platz für Ideen, Inspiration und kreative Weiterentwicklung – und wie sich herausgestellt hat, auch die Möglichkeit, die gestrickten Mützen und Socken (hergestellt in einer Tagesstätte für SpastikerInnen) in der Weihnachtsdekoration auszustellen und hoffentlich auch zu verkaufen. Einige der Mützenmodelle seht Ihr über diesen Blog verteilt auf den Köpfen von selfHUB Mitgliedern – und falls Euch die eine oder andere gut gefällt, könnt Ihr sie im Dezember im selfHUB käuflich erwerben.

Aber nun zu den Ideen und Inspirationen, die ich im selfHUB finde: Ich habe hier den Raum zur Beantwortung folgender richtungweisender Fragen für meine Arbeit als Prozessbegleiterin:
- Wie kann unterschieden werden, ohne auszuschließen? Wie kann integriert werden, ohne die Einheit zu forcieren.(1)?Wie kann Kultur als Feld für Kommunikation genutzt werden?
- Welches Bewusstsein und welche Zugänge sind notwendig, um Systeme zu transformieren?
- Wie können wir Menschen uns als Menschen begegnen? – im eigentlichen Sinn, in einem gelebten Sinn, um so im Sinne Jacob Levi Morenos(2) an einem höheren Ziel, an der Arbeit am Kosmos, beizutragen(3)?
(1) J. Sandroff und M.W. „Facilitating the System in a Room"
(2) Jacob Levy Moreno (* 18. Mai 1889 in Bukarest; † 14. Mai 1974 in Beacon, New York); ein Arzt und Psychiater, Soziologe und Philosoph war der Begründer des Psychodramas, der Soziometrie und der Gruppenpsychotherapie. Er entwickelte die Methoden als Arzt eines Flüchtlingslagers, als Leiter eines Stegreiftheaters, als Supervisor von Gefängnissen und Heimen und nicht zuletzt als Leiter eines psychiatrischen Krankenhauses.
(3) Morenos ganzheitliches Verständnis von Veränderung umfasst alle Ebenen der menschlichen Existenz bis hin zum Kosmos.
Glücklicherweise wird hier im HUB der Raum zur Beantwortung dieser Fragen geschaffen. So ist der Handlungs- und Entscheidungsbedarf in den folgenden Dilemmata offensichtlich:
- Social vs. Entrepreneurship
- unternehmerisches Risiko vs. Mitbestimmung
- Werteorientierung (z.B. Leitbild) vs. Verfahrensorientierung
- Emergenz vs. Plan
- Konkurrenz vs. Kooperation

Positiv ist, dass alle Spannungsbögen und Dilemmata – sofern der Raum dafür zur Verfügung steht – viele Entwicklungsszenarien nach sich ziehen. Diese ermöglichen eine Unterscheidung ohne auszuschließen sowie eine Integration ohne die Forcierung einer Einheit. Darüber hinaus gibt es Entwicklungsszenarien im Sinne der Wahrnehmung von Kultur als Feld, die alle HUB-Mitglieder herausfordern, inspirieren und unterstützen. Als Mitglied der Steuerungsgruppe möchte ich an der Erarbeitung von selbstorganisierten Verfahren mitwirken, die das soziale Unternehmertum der Genossenschaft self eG zum Ausdruck bringen und kultivieren. Hierbei werde ich im Spannungsfeld meines sozialen Engagements und der Wirtschaftlichkeit meiner Unternehmungen stehen. Meiner Erfahrung nach schließen sich diese Pole nicht aus, sondern bedingen sich gegenseitig.
Und was hat das alles mit den Mützen und meiner Leidenschaft des Strickens zu tun? In meiner Schulzeit und im Studium der Kulturpädagogik habe ich gestrickt – ja, es gab eine Zeit, in der in der Schule und in der Uni gestrickt wurde und die LehrerInnen und DozentInnen anerkannten, dass das Stricken zur Konzentration beitragen kann. Im Studium wurde mir klar, dass die „bildenden Künste“, aber auch das Kunsthandwerk eine von vielen Ausdrucksformen von Kultur sind. Auch während meiner Teilnahme am Master Program for Intercultural Management begleitete mich mein Strickzeug. Dank des erfahrungs- und prozessorientierten Studiengangs (und auch der Verschiedenheit der 50 TeilnehmerInnen) erweiterte sich mein Verständnis von Kultur um ein Vielfaches – und ich lernte meine eigenen kulturellen Prägungen besser kennen. Neue Konzepte erweiterten mein Verständnis von Wahrnehmungsprozessen. Außerdem kam ich mit dem Konzept des Fairen Handels der sogenannten Alternative Trading Organisations in Berührung: Neben der Verbesserung der Lebensumstände der ProduzentInnen möchten diese Organisationen über die Produkte und deren ProduzentInnen informieren. (siehe IFAT und Grundsatzpapier Welthandel der gepa)

Für meine Masterarbeit bin ich nach Ecuador gereist und habe das Leben von Kulturschaffenden porträtiert. Dort hatte ich eine ideale Plattform gefunden, um meine Kenntnisse über Kunst beziehungsweise Kunsthandwerk als Ausdruck von Kultur zu nutzen um so einen Einblick und einen Zugang zu den Lebenswelten der KunsthandwerkerInnen herzustellen. Ich freue mich sehr, dass nun, fast 20 Jahre später, Kunsthandwerk in den USA und Europa eine Renaissance erfährt – Kunsthandwerk als Technik der Alltags-Entschleunigung und politisches Statement gegen Fashion Diktat und Massenproduktion. Damit einher geht, wie ich dem Buch „Marke Eigenbau“ von Hom Friebe und Thomas Ramge entnehmen konnte, eine Neubewertung klassisch weiblicher und in der Öffentlichkeit gering geschätzter Tätigkeiten. Und so konnte ich meine Liebe zu Garnen, Gewebtem und Gestricktem neu entflammen, als ich Anfang dieses Jahres in New York in den Garn- und Strickgeschäften stöberte. Daraus entstand die Idee, mir ein zweites berufliches Standbein mit „Fair-Sponnenem“ aufzubauen und „mobile Weltläden“ ins Leben zu rufen.
Ich möchte, dass Frauen und auch Männer sich in Strickkreisen treffen, fair gehandelte Garne importieren, und ich möchte eine Erwerbsmöglichkeit für Menschen schaffen, die sonst nur schwer Zugang zum Arbeitsmarkt finden – und ich möchte meine Freude und Leidenschaft mit meinem beruflichen und privaten Erfolg verbinden. Der erste Schritt dahin sind die gestrickten Mützen und Socken. Kommt im Dezember im HUB vorbei, kauft eine oder auch mehrere Mützen, lasst euch vom HUB inspirieren und meldet euch, falls ihr Mit-Spinnen möchtet.

Das menschliche Dasein ist ein Gasthaus.
Jeden Morgen ein neuer Gast.
Freude, Depression und Niedertracht –
auch ein kurzer Moment von Achtsamkeit
kommt als unverhoffter Besucher.
Begrüsse und bewirte sie alle!
Selbst wenn es eine Schar von Sorgen ist,
die gewaltsam Dein Haus
seiner Möbel entledigt,
selbst dann behandle jeden Gast ehrenvoll.
Vielleicht bereitet er dich vor
auf ganz neue Freuden.
Dem dunklen Gedanken, der Scham, der Bosheit –
begegne ihnen lachend an der Tür
und lade sie zu Dir ein.
Sei dankbar für jeden, der kommt,
denn alle sind zu Deiner Führung
geschickt worden aus einer anderen Welt.
RUMI
Das Gasthaus
Tolle Bilder, da bekomme ich richtig Lust Mützen zu tragen! Und wie vertraut sich die Lebensthemen und Leidenschaften verweben.
Wenn ich in Berlin leben würde, wäre ich auch im SelfHuB.
2009 ist das Jahr der Kreativität, von der EU so benannt. Beim Lesen dieser spannenden Seite musste ich sofort daran denken!
Kreativität und Inspiration werden auch von der EU inswischen als Schlüsselkompetenzen und Grundlage für Bewältigung und Lösung jetztiger/zukünftiger Aufgaben/Probleme zwecks weiterer "Bewohnbarkeit der Welt"( E. Bloch) wertgeschätzt. Bettinas Idee ist dafür beispielhaft und anregend. Viel Glück dafür!